Das Watt – mal kommt das Wasser, mal geht das Wasser – und alles was dazwischen passiert, ist mitunter spannender als ein Krimi. Alle sechs Stunden treffen sich Ebbe und Flut zum Schichtwechsel. Vorsichtige nehmen die Kutsche über den blanken Meeresboden, die Harten wandern nach Neuwerk. Denn das kleine Eiland ist ja nur einen Katzensprung vom Cuxhavener Ortsteil Sahlenburg entfernt. Das Wattenmeer - erst lässt es dich sprachlos, dann verwandelt es dich in einen Erzähler.

Zuerst kostete es mich nur ein Lächeln. Die Tour durch knöcheltiefen Matsch soll reines Vergnügen sein? Niemals hätte ich gedacht, dass ich mich jemals damit anfreunden könnte. Aber dann kam alles anders. Eben noch stehe ich wie jeden Morgen im Urlaub auf der Terrasse meines Hotels. An die Wand angelehnt, schlürfe ich meinen morgendlichen Cappuccino, den Pulli-Ärmel wieder bis über die Fingerspitzen gezogen. Ich amüsiere mich still über die „lachenden Wattwürmer“, die ich in der Ferne erblicke. Ja, so nenne ich sie liebevoll, die Menschen, die in aller Herrgottsfrühe bei Ebbe über den wabberigen Meeresboden laufen. Einer läuft vorweg und hat eine Grabegabel in der Hand. Manch andere ihre Schuhe. Respekt, es ist nicht mal sechs Uhr in der Früh und mir schlägt bereits die pure Lebensfreude und Lust auf ein Naturerlebnis von der Wasserseite aus entgegen. Der Wind trägt ihre Stimmen und ihr Lachen ganz sanft bis zu mir auf die Terrasse. Ich weiß eigentlich nicht viel über das Watt vor der Cuxhavener Küste, außer das es seit Sommer 2009 zum Weltnaturerbe Wattenmeer der Unesco gehört und eben „Kinderstube“ zahlreicher Tierarten ist.

Plötzlich stelle ich die Kaffeetasse ab. „Du musst in deinem Leben etwas ändern“, höre ich mich sagen. Die Sonne zeigt bereits an, dass sie heute kräftig scheinen will. Sonnenschutz, ich brauche Sonnenschutz, aber ein kurzärmeliges Shirt wird gehen. Rote Haut bekomme ich nicht mehr, auch wenn ich mehrere Stunden unterwegs bin. Jetzt will ich endlich wissen, was sich die "zweibeinigen Wattwürmer" so zu erzählen haben, wenn sie mit nackten Füßen durch den Wattschlick laufen. Doch viel mehr interessiert mich, was werde ich dabei spüren? Beim Überqueren des Deiches fällt mein Blick auf die weiten Wattflächen, auf denen noch Wasser glitzert. Ein Kind stakst über den Boden und guckt, was bei Ebbe zu holen ist. Eine andere Gruppe Wattwanderer ist schon unterwegs. Ganz vorne, gleich hinter dem Deich, buddelt ein Angler im Boden nach Wattwürmern, die wohl als Köder fürs Angeln mehr hermachen als ein gewöhnlicher Regenwurm. Am Horizont entdecke ich einen Containerriesen, der auf die Elbmündung zusteuert.

„Pass auf, es kann mal Stellen geben, an denen viele Muscheln liegen, nicht das Du Dich schneidest“, sagte der Wattführer. Das war ja klar, vermutlich hat mir der alte Herr an der Nasenspitze angesehen, dass es meine erst Exkursion auf dem blanken Meeresboden ist. Zehn Kilometer, etwa drei Stunden wandern wir jetzt gemeinsam durch den Wattschlick. Von Duhnen aus wären es zwölf Kilometer gewesen, also 3,5 Stunden. Eben noch war alles wie immer, auf einmal änderte sich das. Schlick, Schlamm, Küstenwind, Sonne und Salz sind heute das Rezept für meinen ganz natürlichen und gesunden Wohlfühl-Cocktail. Ich spüre den Matsch unter den Füßen, meine Thalasso-Kur zum Nulltarif. In dem Moment wusste ich: Ich wollte es nie wieder verpassen. Doch fest steht auch, Wanderungen ins weite Watt sollten ungeübte Nordsee-Fans nicht allein unternehmen. (Von Carmen Monsees)