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Auswanderer: Sie packten ihre sieben Sachen

Es gab Zeiten, in denen Menschen aus dem Cuxland und aus anderen Regionen Deutschlands und Europas ihre Heimat verließen. Sie suchten neue Lebensperspektiven für sich. Ein Besuch in den historischen Hapag-Hallen und am benachbarten Anleger Steubenhöft macht eines deutlich: Die Motive von Menschen, alles stehen und liegen zu lassen, sind heute noch die gleichen wie früher.

Machte sie sich allein auf den Weg? Was veranlasste sie dazu, die Heimat zu verlassen? Ging sie mit Optimismus in die Neue Welt oder war sie voller Sorge und angstvoller Erwartungen? Fragen, die offen bleiben. Anne Abbenseth aus Cadenberge war schon 72 Jahre alt, als sie im Jahre 1900 das Cuxland mit dem Ziel New York hinter sich ließ. Mehr Informationen gibt die Auswanderer-Datenbank Cuxhaven, in der Anne Abbenseth gelistet ist, nicht her. Einer von vielen Tausenden Namen. Aufschlussreich ist die Datenbank dennoch. Zum Beispiel für Ahnenforscher, die etwas zur Familiengeschichte in Erfahrung bringen wollen. Wertvoll sind die Daten aber auch deshalb, weil sie davon zeugen, dass es Zeiten gab, in denen die Lebensumstände in der Heimat Cuxland, in der Heimat Deutschland und in anderen europäischen Ländern so schwierig waren, dass viele Menschen anderswo auf der Welt ihr Glück suchten. Zu finden ist die Auswanderer-Datenbank Cuxhaven auf der Internet-Seite des Fördervereins Hapag-Hallen. Das historische Gebäude-Ensemble der Hapag-Hallen in Cuxhaven mit seiner imposanten Kuppel und dem markanten Turm war einer der Ausgangspunkte für die Auswanderungswellen, die von Deutschland vor allem nach Nordamerika oder auch nach Australien schwappten. 

Vom Anleger Steubenhöft aus fuhren viele Schiffe ab. Vor gut einhundert Jahren erreichte eine starke Auswanderungswelle ihren Höhepunkt. Cuxhaven war damals einer der Orte, an denen zahllose Menschen die Schiffe bestiegen – auf der Suche nach einer neuen Heimat, die ein besseres Leben versprach. Zu der Zeit war Europa alles andere als der Zufluchtsort, den heute viele Migranten in dem Kontinent sehen. Die Menschen, die damals Europa verließen, waren häufig Getriebene, denen es vor allem darum ging, wirtschaftliche Not und Perspektivlosigkeit hinter sich zu lassen. Die Hapag-Hallen in Cuxhaven und der Anleger Steubenhöft mit seiner Ausstellung erinnern an die Zeit der großen Auswanderung. Besuchern, die sich dort umsehen, wird bewusst, dass es starke Migrations- und Fluchtbewegungen, die auch Europäer erfasste, schon immer gegeben hat. Und man begreift vor dem Hintergrund der derzeitigen Debatte um Migration und Asylpolitik, dass die Verlässlichkeit und die Stabilität der vergangenen Jahrzehnte in Europa alles andere als eine Selbstverständlichkeit sind. Insofern hat die Ausstellung einen starken zeitaktuellen Bezug. Einer der Gästeführer in den Hapag-Hallen, Reiner Frericks, sagte einmal im Gespräch mit den „Cuxhavener Nachrichten“, die Ausstellung lehre, dass die Motive der Menschen, ihre Heimat zu verlassen, sich früher wie heute sehr stark ähnelten. „Und niemand verlässt seine Heimat gern.“ Abschied ist das große Thema der historischen Auswanderungsanlage. Allein im Jahr 1900 machten sich von Cuxhaven aus rund 65 000 Auswanderer nach Amerika auf.

Seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts war die Stadt der Aufbruchsort für viele Menschen, die von hier aus in die Neue Welt schipperten. Auswanderer mussten für gewöhnlich mit dem Zwischendeck vorlieb nehmen. Die Überfahrt in überfüllten Frachträumen war beschwerlich. Im Jahr 1902 nahm die Hapag- Reederei die Halle in Betrieb. Am 1. Juni 1902 wurde hier der Dampfer „Graf Waldersee“ verabschiedet. Sein Ziel war New York. Die Hapag-Halle galt als die modernste Passagieranlage ihrer Zeit. Die Zahl der Auswanderer, die aus ganz Europa kamen, stieg weiter. Exakte Zahlen sind nicht bekannt. Es waren aber Hunderttausende, vielleicht eine Million, die im Zeitraum von etwa 1850 bis etwa 1950 allein von Cuxhaven aus starteten. Schwerpunkt war die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. In den 1920er-Jahren folgte eine weitere Welle. Hintergrund waren die Inflation und die Krisen der Weimarer Republik. Allein 1927 wurden in Cuxhaven mehr als 70 000 Schiffspassagiere abgefertigt. Allerdings ebbte während der 1920er-Jahre der Auswandererstrom mit der Verschärfung der Einwanderungsgesetze in den USA nach und nach ab. Die Zahl derjenigen, die in die Staaten einreisen und dortbleiben durften, wurde stark reglementiert. Ende der 1940er- bis in die 1960er-Jahre gingen in Cuxhaven noch etliche Auswanderer an Bord – direkt nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem die Heimatlosen. Die Ausstellung in den Cuxhavener Hapag-Hallen zeuge davon, dass es immer das Bemühen von Regierungen gewesen sei, Flüchtlingsströme zu steuern und in geordnete Bahnen zu lenken, hielt ein Journalist der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ im Jahre 2015 – auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise in Deutschland – in einem Artikel fest. Ein Besuch der Anlage in Cuxhaven und des Auswandererhauses in Bremerhaven könne daran erinnern, dass die aktuellen Fluchtbewegungen historische Vorbilder haben. (fw)

Führungen: Der Förderverein Hapag-Halle Cuxhaven lädt zu Führungen durch die historische Anlage ein. Sie dauern etwa 90 Minuten. Treffpunkt ist am Eingang zum Kuppelsaal der Hapag-Halle. Die Kosten betragen 5 Euro für Erwachsene und Jugendliche ab 15 Jahren. Kinder haben freien Eintritt. Die Termine sind auf der Internetseite des Vereins zu finden. Kontakt: Förderverein Hapag- halle-Cuxhaven e.V. Postfach 526; 27455 Cuxhaven; Telefon 04721/ 500 181. Website: www.hapaghalle-cuxhaven.de 

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